Sonntagsgedanken

Wider die Vollkommenheit

„Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an etwas Neuem versucht“, schrieb Albert Einstein vor langer Zeit und der Philosoph Seneca wusste: „Irren ist menschlich“. Fehler zu machen ist nicht nur unvermeidlich und gehört zum Mensch sein dazu. Es ist auch notwendig, Irrtümer und Fehler zu begehen. Das klingt zunächst nicht einleuchtend, denn niemand macht gerne Fehler oder geht den falschen Weg.  Doch dies ermöglicht erst Weiterentwicklung und Wachstum. „Versuch und Irrtum“ bedeutet nichts anderes als etwas (Neues) auszuprobieren.
Kinder machen das von Anfang an und es wird ihnen nicht nur zugestanden, es wird sogar von den Eltern und anderen Erwachsenen gefördert. Und das zu Recht. Jeder weiß, dass Kinder ständig, jeden Tag etwas ausprobieren. Im spielerischen Umgang mit den Dingen und den Anderen entdecken sie die Welt und entwickeln sich dadurch weiter.
In der Schule sieht es dann oft etwas anders aus. Zu viele Fehler haben schlechte Noten zur folge und werden in den Klassenarbeiten mit dem Rotstift markiert. Letzte Woche bekamen die Kinder und Jugendliche ihre Schulzeugnisse ausgehändigt. Für viele ein Grund zur Freude, für manche hingegen ein Grund zur Sorge und Betrübnis. Auf jeden Fall bekommen Kinder und Eltern scheinbar die Bilanz eines Schuljahres im Zeugnis präsentiert. In vielen Schulen hat sich in den letzten Jahren erfreulicherweise eine andere Lernkultur entwickelt und die Freude der Kinder an Neuem und die Neugierde und der Spaß am Lernen werden  gefördert.
Auch im beruflichen Alltag ist mittlerweile in manchen Betrieben im Zuge des modernen Qualitätsmanagements die Bedeutung einer positiven Fehlerkultur erkannt worden. Aus Fehlern lernen, Fehler als betriebliche Lehrmeister zu betrachten, die Lernprozesse starten und nicht das Ende markieren, eröffnet häufig die Chance für Innovationen. Und das heißt nichts anderes als Erneuerung und Weiterentwicklung.
Aber jenseits der pädagogischen Förderung, psychologischen Einsichten oder wirtschaftlichen Qualitätsoptimierung hat unser Umgang mit Fehlern und Irrtümern eine zutiefst menschliche und religiöse Dimension.
„Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“. Dieses Wort aus dem Johannes Evangelium beschreibt eindrücklich: Niemand ist vollkommen, niemand ist perfekt.
Bedenken wir das in unserem alltäglichen Leben, werden wir unserer eigenen Fehlbarkeit und   Begrenztheit bewusst. Wir werden nachsichtiger mit den Anderen – und uns selbst.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Sonntag und eine erholsame Sommerzeit.

Gerhard Betz, Leiter der Psychologischen Familien- und Lebensberatung der Caritas, Geislingen

Gerhard Betz, Leiter der Psychologischen Familien- und Lebensberatung der Caritas, Geislingen