Sonntagsgedanken

Fronleichnam – Hochfest des Leibes und Blutes Christi

Mitten in der Woche feiern wir. Wir machen den Alltag zum Fest. Grund zum Feiern war und ist bis heute, dass Jesus sein Versprechen hält: „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ Das sichtbare Zeichen dafür ist er selbst in den Gestalten von Brot und Wein. Ich bin und bleibe bei euch: Seit Jahrhunderten lässt dieses Wort Menschen aufatmen, hoffen, Kraft und Halt finden.

 

Die Mitte des Hochfestes ist natürlich die Feier der Eucharistie. In deren Anschluss erfolgt die Prozession, das Tragen des Allerheiligsten durch die Straßen unserer Stadt. Eine zutiefst katholische „Demonstration“. Und damit stellt Fronleichnam, das zur katholischen Identität gehört, gleichzeitig eine ökumenische Herausforderung dar. Kann man denn dann heute im Angesicht von Bemühungen in der Ökumene und um den Frieden zwischen den Konfessionen guten Gewissens so Fronleichnam feiern, wenn man bedenkt, wie viel Ärger dieses Fest ausgelöst hat, wie sehr es stören könnte?

Ich meine: ja! Dazu ist notwendig, sich von sehr alten Vorstellungen und Gedanken, die diesem Fest angehängt sind, zu trennen und intensiver hinzuschauen, was für eine lebensspendende Bedeutung es auch für uns heute in sich trägt. Einen wichtigen Anstoß zu solch einer Veränderung der Sicht auf das Fronleichnamsfest lieferte vor ziemlich genau 50 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil mit der Konstitution über die Kirche, »Lumen Gentium«. Darin wird die Kirche gesehen als Volk, das sich um den Herrn versammelt durch die Zeit bewegt – und dabei schaut, was rechts und links am Weg, den sie geht, passiert.

Durch alle Zeiten hindurch sollte die Kirche darauf bedacht sein, die Zeichen der Zeit mit wachen Augen wahrzunehmen und sie im Licht des Glaubens zu deuten, wenn sie wirklich das sein will, was sie sein soll: lebendiges Zeichen, glaubwürdiger Hinweis auf die Zuneigung Gottes, die er uns versprochen und immer wieder hat erfahren lassen. Genau das wollen wir auch ausdrücken, wenn wir uns mit dem Allerheiligsten auf den Weg machen: Wir schauen nicht herab auf irgendwas und irgendwen, wir schauen vielmehr zum erhöhten Christus hinauf und lassen uns von ihm für unser Leben inspirieren und bestärken. Wir wollen nicht abgrenzen und unser Gebiet markieren, sondern unsere Freude am Glauben zeigen.

Im Allerheiligsten Sakrament des Altares ist Jesus Christus wahrhaft, wirklich und real gegenwärtig. Das Hochfest des Leibes und Blutes Christi bietet uns jedes Jahr aufs Neue die Chance, diesem großen Geheimnis mit Kopf und Herz nachzuspüren, wenn wir durch die Straßen unserer Stadt gehen.

Vikar Ralf Baumgartner

Vikar Ralf Baumgartner

Vikar Ralf Baumgartner, Geislingen