Sonntagsgedanken

Du führst mich hinaus in die Weite

Glaube engt das Leben ein – vermuten manche – und halten sich deshalb auf Distanz zu Kirche, Bibel und Glaube. Nur diesen Dingen nicht zu nahe kommen – das ist ein großes Missverständnis. Wer die Bibel mit allen Sinnen wahrnimmt, wird eine andere Erfahrung machen: Glaube öffnet das Leben, weitet die Sicht. „Du führst mich hinaus ins Weite, du machst meine Finsternis hell“, heißt es in Psalm 18. Das Leben in seiner ganzen Tiefe und Schönheit erschließt sich Menschen dabei oft erst dann, wenn sie Gottes Spuren wahrnehmen und ihnen folgen. Die Bibel erzählt davon. Aber auch davon, dass Menschen Schweres zugemutet wird – Lasten, die kaum zu tragen sind. Auch von diesen Erfahrungen weiß die Bibel.

Und auf beides weist uns der Weltmissionssonntag am 22. Oktober hin. Als Leitwort wurde dieser Psalm 18 gewählt: Du führst mich hinaus in die Weite. Der Weltmissionssonntag lädt die Kirchen vor Ort und alle Christen weltweit ein, voneinander zu lernen und miteinander den Reichtum des Glaubens in seiner Vielfalt und Unterschiedlichkeit zu teilen. Es geht sicherlich auch um die Kollekte für bedürftige Glaubensbrüder und –schwestern. Der Weltmissionssonntag ist auch die größte Solidaritätsaktion der Katholiken, der eines der ärmsten Länder der Welt in den Blick nimmt: Burkina Faso in Westafrika. Aber es ist vor allem eine Einladung, sich auf das Herz des christlichen Glaubens zu besinnen und die Ungerechtigkeiten in unserer Welt neben unseren regionalen Problemen wieder in den Blick zu bekommen – gleichsam den Blick zu weiten.

Deshalb ist der Sonntag der Weltmission eine gute Gelegenheit, unseren Blick über den Tellerrand unserer eigenen Lebenswirklichkeit hinaus in die Weite zu richten. Wir erkennen viele Krisen und Probleme, aber auch Zeichen von Hoffnungen an vielen Orten, wo Christinnen und Christen sich nicht entmutigen lassen sondern aus ihrem Glauben heraus Zeichen der Hoffnung setzten. Diese Hoffnungszeichen sind es, Reich Gottes an vielen Orten wieder spür- und erlebbar zu machen.

Wir Menschen sind von Grund auf angelegt über uns hinauszuschauen. Sei es, dass wir die Zukunft planen, sei es, dass wir Träume haben und sie zu verwirklichen suchen, sei es, dass wir glauben. Auch in unserem Glauben, in unserem Denken an Gott, schauen wir somit in die Weite. Dabei bleibt diese Weite uns Menschen nicht nur gegenüber, sondern zieht gleichsam in uns hinein. So hat dieses Sprechen von der Weite auch etwas mit der inneren Freiheitserfahrung zu tun und kann durchaus auch als Metapher für die innere Erfahrung von Erlösung verstanden werden. Der Blick in die Weite ist oft nur möglich, wenn ich mir meinen eigenen Grenzen bewusst werde – und mich frage:  Wo sehe ich Grenzen in meiner Beziehung zu den Menschen. Wo sehe ich sie zu Gott? Wer trägt mich in allen meinen Grenzerfahrungen des Lebens? Wem bin ich bereit, diese Grenzen zu öffnen?

Vielleicht Anstoß, an diesem Wochenende aufzubrechen und den Blick zu weiten – ganz im Sinne des Psalms 18: „Du führst mich hinaus in die Weite“.

Stadtdiakon Norbert Köngeter

Stadtdiakon Norbert Köngeter

Norbert Köngeter, Stadtdiakon, Katholische Kirche Göppingen