Geschenke des Glaubens

Fidei Donum-Priester Bernhard Schmid berichtet aus dem Norden von Argentinien / Verbindung geht zurück auf das Zweite Vatikanische Konzil

Zu Jahresbeginn hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart Pfarrer Bernhard Schmid in ihr Partnerbistum Santiago del Estero im Norden Argentiniens entsandt. Im Gespräch berichtet Pfarrer Schmid über seine bisherigen Erfahrungen in Südamerika.

Herr Schmid, Sie waren nach Ihrem Studium schon einmal für längere Zeit in Argentinien. Was fasziniert Sie an diesem Land?

Lateinamerika hat mich schon in meiner Kindheit interessiert, denn ich war in einem Internat der Steyler Missionare in Aulendorf. Dort kamen immer wieder Missionare aus allen Kontinenten zu Besuch, erzählten von ihrem Leben und zeigten Bilder von ihren Missionsgebieten. Das hat mich fasziniert und geprägt. Später im Theologiestudium in Tübingen hatte ich Studenten aus Südamerika kennengelernt und einige Mitstudenten hatten ein Auswärtsjahr in Chile, Brasilien, Mexiko oder Bolivien verbracht. Nach dem Studium wollte ich selbst erleben, was ich nur gehört und in Bildern gesehen hatte. Ich kannte einen Steyler Missionspater aus meiner Internatszeit, der in Argentinien eine große Pfarrei leitete, und dorthin ging ich. Die Pfarrei befand sich im Nordosten Argentiniens, in der Provinz Misiones. Subtropisches Gebiet. Diese Zeit hat mich sehr geprägt: In der Fremde, die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen zu erleben; eine Weltkirche zu entdecken, die in anderen Kulturen den christlichen Glauben lebt und die Caritas praktiziert; Gelassenheit im Alltag anzuwenden, denn vieles funktioniert nicht und man kommt dennoch zurecht. 1992 und 1993 gab es noch kein Internet und keine sozialen Netzwerke. Vieles war einfach nicht möglich und man war dennoch zufrieden.

Kannten Sie die Provinz Santiago del Estero schon, in der Sie jetzt tätig sind?

Nein, die Provinz Santiago del Estero kannte ich nur insofern, dass es eine Partnerschaft zwischen der Diözese Rottenburg-Stuttgart und dem Bistum Santiago del Estero gibt. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil entstand die Freundschaft zwischen den damaligen Bischöfen. Es waren seither immer wieder Diözesanpriester in der Diözese Santiago del Estero tätig. Ich kenne einige davon. Ich hatte bei Bischof Gebhard Fürst angefragt, da ich gerne in einem spanischsprachigen Land in Südamerika als Priester für eine begrenzte Zeit tätig sein wollte. Da seit einigen Jahren kein Diözesanpriester im aktiven Dienst mehr in Santiago del Estero tätig war, war es ihm ein Anliegen, diese Partnerschaft wieder zu stärken.

Wie steht es um die Situation des Priestermangels in Nordargentinien?

Der Priestermangel im Norden Argentiniens ist genauso spürbar wie in Deutschland. Ein großer Unterschied ist, dass es im Norden schon immer wenige Priester gegeben hat. Vor 20 Jahren waren hier noch viele Missionare aus Europa tätig, deren Nachwuchs stark nachgelassen hat. Sie haben dann die Pfarreien wieder an die Diözese abgegeben. Auf dem Land waren die Pfarreien schon immer sehr groß. In einer vatikanischen Statistik steht, dass auf 7000 Katholiken in Südamerika ein Priester kommt. Zum Vergleich: In Deutschland kommt ein Priester auf etwa 3000 Katholiken. Die Provinz Santiago del Estero hat zwei Diözesen, in der circa 80 Priester und circa 80 Ordensschwestern tätig sind. Übrigens, die Zahl der Ordensschwestern ist noch viel stärker rückläufig.

Welche Auswirkungen hat das konkret?

Der Pfarrer in Mailin hat drei Pfarreien mit circa 20 Kapellen auf einer Fläche von etwa 80 auf 40 Kilometer. In die meisten Kapellen kommt er nur einmal im Monat. Das war schon immer so. Jetzt kommt aber noch dazu, dass die Nachbarpfarrei, die in etwa die gleiche Größe hat, seit zwei Jahren vakant ist. Die italienischen Ordenspriester sind altersbedingt in ihren Orden zurückgekehrt. Es sind einige Pfarreien vakant, es gibt ein paar Pensionäre, die aushelfen. Der Bischof versucht, das Beste daraus zu machen. Die Katholiken versammeln sich vor Ort selbständig. Die Kapelle steht oft auf ‚privatem‘ Besitz und wird von der Gemeinde betreut. Die Gemeinde wird insofern lebendig, wenn es Familien gibt, die sich engagieren. Bei Bedarf kommt der Pfarrer dann dazu und spricht mit den Katechetinnen. Das Patrozinium ist das größte Fest für die Gemeinden. Darauf, wie dies bei noch größeren Pfarreien ermöglicht werden soll, gibt es meines Erachtens keine Antworten. In dieser Zeit der Pandemie dürfen keine Versammlungen wie Gottesdienste stattfinden, daher werden Heilige Messen über soziale Netzwerke live übertragen. Und wir stellen fest, dass sehr viele Menschen in ihren Häusern diese Gottesdienste mitfeiern. Eine neue Form der Verkündigung entwickelt sich da.

Was genau werden Ihre Aufgaben in den kommenden Monaten sein?

Das südamerikanische Leben sagt dazu: ‚a ver‘. Wir werden sehen. Zuerst muss die Ausgangssperre gelockert werden. Ich vermute, dass wird noch bis in den August gehen, denn die Welle von Covid 19-Erkrankungen wächst in Südamerika stark. Gott sei Dank, sind in unserer Region keine Erkrankten mehr, insgesamt hatte die Provinz Santiago etwa 22 Fälle. Nur in den Großstädten wie Buenos Aires herrscht große Not. Mit dem Bischof wurde besprochen, dass ich dann eine eigene Pfarrei bekommen werde.

Gibt es Hilfe und Unterstützung für die Menschen während der Pandemie?

Auf dem Land hat es schon vehemente Auswirkungen, denn die Bauernfamilien leben von ihrem Wenigen. Die meisten sind Erntehelfer, die schlecht bezahlt werden, vor allem dieses Jahr. Dann haben die meisten Betriebe seit März geschlossen, so dass sie auch ihren geringen Lohn nicht erhalten. Die Pfarreien hier haben jetzt zum zweiten Mal Lebensmittel von der Caritas und von der UNICEF erhalten, die wir auf dem Land an die Bauernfamilien verteilen. Demnächst werden Engagierte aus der Kirchengemeinde Mittagessen für die Leute kochen.

Wie wird das Leben mit dem Virus in Argentinien weitergehen?

Ich vermute, die Pandemie wird noch einige Monate dauern. Die Menschen sind normalerweise gewohnt, viel Körperkontakt zu haben und dann wohnen die meisten in einem kleinen Haus mit vielen Bewohnern. Daher ist die Gefahr sehr hoch, dass der Virus sich schnell ausbreitet. Manche Elendsviertel in den Städten werden regelrecht eingegrenzt, damit Covid 19 nicht weiter verbreitet wird. Solange es keinen Impfstoff gibt, werden die Menschen Regeln beachten müssen, wie das Tragen eines Mundschutzes und das Abstandhalten.

Was sollten die Menschen aus der Pandemie lernen?

Die Menschen auf dem Land sind es gewohnt, mit Problemen zu leben. Es ist vielmehr die Frage, wie verhält sich die globale Welt.

Zur Person:

Noch bis Ende vergangenen Jahres war Bernhard Schmid Leiter der Seelsorgeeinheit „Unterm Staufen“ im Nordwesten des Dekanats Göppingen-Geislingen. Schmid ist 55 Jahre alt und stammt aus Erbach-Ringingen im Alb-Donau-Kreis. Er wurde von dem früheren Rottenburger Bischof Dr. Walter Kasper 1996 in Ulm-Wiblingen zum Priester geweiht.

Zum Hintergrund:

Was ist ein Fidei-Donum-Priester? Die Antwort darauf bringt ein Blick zurück, in die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils: Dort knüpfte der frühere Rottenburger Bischof Carl Joseph Leiprecht Kontakt in das argentinische Bistum. Sein Sitznachbar in der Versammlungsaula war nämlich Bischof Manuel Tato aus Santiago del Estero und der bat ihn um ein „Fidei Donum“, ein „Geschenk des Glaubens“, in Form von Priestern. Leiprecht entsprach diesem Wunsch und so kam es zu der Verbindung, die bis heute währt.

Bildunterzeile:

Bernhard Schmid lebt derzeit als Fidei Donum-Priester im Norden Argentiniens.
Bild: DRS

Hinweis:

Sehen Sie ein Videointerview mit Pfarrer Bernhard Schmid unter. https://youtu.be/Sy9tEmOoy68

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