Krise als Chance

Neulich erzählte mir ein befreundetes Ehepaar, wie sich ihr religiöses Leben unter Corona verändert hat. Sie meinten, dass sich viele Leute vom sonntäglichen Kirchgang „entwöhnt“ haben. Sie selbst haben sich während des strengen Lockdowns entlastet gefühlt, sie konnten Sonntagmorgens ausschlafen und dann als Familie gemeinsam gemütlich frühstücken. Sie konnten sich Zeit lassen und intensive Gespräche führen. Ab und zu haben sie dann doch online Gottesdienst geschaut, dabei fiel ihnen auf, wie sehr sich die liturgischen Gewänder, die Sprache und Innenarchitektur der Kirchen von ihrem Leben zuhause unterscheiden. Dabei handeln die Themen und Anliegen des Gottesdienstes von ihrem Leben. Zum Beispiel geht es in jedem Gottesdienst um Versöhnung, was hoffentlich auch in unser aller Leben vorkommt oder um Fairness und Gerechtigkeit, um Wahrheit und Glück, um Friede oder wie es in der sonntäglichen Lesung heißt: dass der Herr die Tränen von jedem Gesicht abwischt und den Tod für immer beseitigt.

Leider gelingt es zu selten, diese frohe Botschaft als persönliche Antwort auf seine existentiellen Fragen wahrzunehmen. Zu wenig taugt die Sprache des Gottesdienstes sich und sein konkretes Leben darin wiederzufinden.

Vielleicht ist die Corona Krise eine Chance sich ermutigt zu fühlen, eigene spirituelle Formen auszuprobieren. So kann man in der Familie Versöhnungsrituale entwickeln oder Orte aufsuchen, wo man sich und Gott näherkommt, man kann Dankeszettel schreiben, Brot teilen und sich gegenseitig besser zuzuhören üben. Man kann sich gegenseitig wie auch seine Kinder, wenn sie aus dem Haus gehen segnen.

Tatsächlich haben sich viele Leute aufgemacht und ihr spirituelles Leben in die eigenen Hände genommen. Ich hörte davon, dass mehr Menschen mit ihren Anliegen zur Kreuzkapelle hochgegangen sind. Mein Nachbar hat mit seinem Instrument das zum jeweiligen Fest passende Kirchenlied von seinem Balkon aus gespielt.

Eine Geschichte aus dem 11. Jahrhundert erzählt von Zeiten mit religiösen Einschränkungen: Ein Herrscher ließ in seinem Land für viele Jahre alle Kirchen schließen. Als er eines Tages durch die Straßen ging, hörte er aus den Häusern die Menschen beten und Gott loben. Er war überrascht und befahl, die Kirchen wieder zu öffnen. Ich wollte, sagte er, die Kirchen in den Dörfern und Städten schließen und musste feststellen, dass ich in jedem Haus eine neue Kirche eröffnet habe.

Fühlen wir uns ermutigt, die Krise als Chance zu begreifen.

Josef Priel
Gemeindereferent Seelsorgeeinheit Deggingen-Bad Ditzenbch