Sonntagsgedanken

Fastenzeit – ein Mehrwert für das Wesentliche

Wir sind noch am Anfang der Fastenzeit: Fastenzeit heißt Vorbereitung auf das Hochfest Ostern und wird auch als österliche Bußzeit verstanden. Traditionell wird die Vorbereitungszeit durch überlieferte Fastenregeln und den damit einhergehenden Verzicht auf bestimmte Speisen und Getränke zelebriert. Der moderne Mensch hat vermehrt unabhängig von christlichen Überlieferungen die Fastenzeit mit dem Gedanken einer inneren Reinigung verbunden, oder er möchte Gewichtsverlust bewirken, oder er besinnt sich darauf, seinem Körper Gutes zu tun. Unterschiedliche Verzichtsrituale finden verbreitet Nachahmer. Doch nun gibt es schon seit über einem Jahr Einschränkungen im privaten und öffentlichen Leben und dann auch noch fasten? Geht es nicht schon seit Wochen und Monaten so, dass wir auf liebgewonnene Gewohnheiten verzichten und uns im Alltag und in der Freizeit einschränken?

Und doch kann die Fastenzeit ein Mehrwert sein. Nicht ein Mehrwert auf Verzicht, sondern ein Mehrwert für das Wesentliche. In den letzten Wochen und Monate haben wir erfahren, dass es doch so einiges gibt, worauf wir getrost verzichten können. Ist es immer notwendig, jedem Termin und jedem Event hinterherzujagen, oder lassen sich Informationen und Absprachen ohne Fahrtzeit ressourcenschonend auch digital austauschen? Und muss es immer die Fernreise sein, oder lassen sich in der näheren Umgebung Naturschönheiten und Wege entdecken, ohne dass man zuvor geahnt hätte, wie schön es vor der eigenen Haustür sein kann? Der Nachhaltig geschuldet und der Schöpfung nachgespürt, ist es allemal.

Worauf Menschen allerdings schwer und kaum verzichten können, sind die Begegnungen und Berührungen. Derzeit gehen viele der zwischenmenschlichen Beziehungen verloren und die Wahrnehmungen im gemeinsamen Tun und Erleben sind nur sehr eingeschränkt erlebbar. Online lässt sich schwer Nähe aufbauen und die Sinne für die „Zwischentöne“ sind kaum einsetzbar. Menschen jedoch sind ganzheitliche Wesen, und für das Leben und die Existenz ist das Zusammenspiel von Leib, Seele und Geist unverzichtbar. Fasten heißt also nachzuspüren, was Körper, Geist und Seele gut tut kann. Paulus wusste schon um diese Einheit, indem er forderte: „Und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, (…) für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.“ (1Thess 5.23)

Alles und Jedes hat seine Zeit und die Fastenzeit ist eine bewusst gelebte Zeit. Also Lebenszeit, die wir Menschen geschenkt bekommen. Zeit zum Innehalten, Zeit um Erfahrungen zu machen und Zeit, die unser normales Alltagsleben übersteigen kann. Sorgen wir gut für uns und unsere Mitmenschen. Geben wir unserem Leib was er braucht, und unserer Seele Nahrung, indem wir in noch so kleinen Ermutigungen Trost finden. Gehen wir verantwortlich mit der derzeitigen Zeit um und hören wir, was Gott zu dieser Zeit sagt: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit…“ (Kohelet 3,1)

Sabine Waldinger-Röhrle
Dekanatsbeauftragte Kirche und Schule