Sonntagsgedanken

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Nasskalt ist dieser Freitagmittag, an dem wir in der Schlange, mit 2500 jungen Menschen aus vielen Ländern, zum Mittagessen anstehen. Heiter ist die Stimmung hier auf dem grünen Hügel in Taizé. Meine Begleiterin und ich sind in einem angeregten Gespräch. Der Bibelaustausch von vorher, beschäftigt uns. Wie jeden Freitag ist es eine Stelle aus der Leidensgeschichte Jesu. Diesmal aus Markus 15,29-41. Darin die Worte Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, zu finden.

Während wir miteinander reden, dreht sich ein Jugendlicher zu uns um und sagt in einem guten Deutsch: „Es ist so schön, die deutsche Sprache zu hören und sie auch sprechen zu können. Zusammen mit meinen Eltern lebte ich zehn Jahre in Luxemburg und konnte in dieser Zeit drei Fremdsprachen erlernen. Ich genieße es, mich mit anderen Menschen in ihrer Sprache zu verständigen, weil wir jetzt wieder zuhause, in Portugal leben.“

Ohne Unterbrechung spricht er weiter: „Ich bin so froh! Es ist das erste Mal, dass ich hier in Taizé  sein darf und ich werde bestimmt wieder kommen. Am liebsten zusammen mit meinen Eltern. Ich wünsche mir, dass sie diesen besonderen Ort kennen lernen. Einmal musste ich den Gottesdienst verlassen. Ich ging nach draußen um zu weinen. Ich bin so kalt. Wenn ich wieder zuhause bin, muss ich meinen Eltern sagen, wie sehr ich sie liebe. Ich muss es ihnen sagen, denn wenn ich mir vorstelle, dass ihnen etwas passiert, müsste ich mich schämen. Ich will kein Bruder in Taizè werden, will lieber eine Familie gründen, Frau und Kinder haben.“

Rodrigo, mit seinen sechzehn Jahren, war in diesen Tagen über sich hinausgewachsen, war erwachsen geworden. Mit uns redete einer, der sein brennendes Herz öffnete und uns wahrhaftig teilhaben ließ an seinem Leben. „Ich bin so kalt“. Diese Kälte wird Rodrigo an diesem Abend auf das Kreuz Jesu geheftet haben. Jeden Freitagabend wird es zur Verehrung in die Mitte der Kirche auf ein Podest gelegt. Die Jugendlichen legen kniend ihre Stirn darauf. Sie halten inne.

„Gott schweigt“ – so berichten es alle Evangelisten. Das ist für uns nur schwer zu ertragen und zu verstehen. Diese Erfahrung macht auch Jesus. Angesichts seines Sterbens fühlt er sich von Gott verlassen. Er schreit noch einmal. Doch die so vertraute Gegenwart mit dem Vater, scheint unerreichbar. Das Schweigen als Abwesenheit gedeutet, erschreckt uns Menschen. Und Jesus ist einer von uns. Die Kaltschnäuzigkeit der Gaffer ist unerträglich. Und die „Kälte“ heute ist es ebenso. Dieses „Schweigen Gottes“, dient vielen als Beweis seiner Nichtexistenz.

Die Welt ist so voller Lärm, weil die Menschen das Schweigen nicht mehr aushalten können. Wo gibt es das beispielsweise noch: Das vertraute Schweigen zweier sich Liebenden? Gerade jetzt, wo uns buchstäblich der „Maulkorb“, durch diese schreckliche Krankheit angelegt ist, wo wir Nähe nur durch einen Sicherheitsabstand halten, geht die berechtigte Angst vor vermehrter häuslicher Gewalt um.

Wie viel Rückhalt die Nähe gläubiger Menschen einander geben, wird in diesen Tagen besonders schmerzhaft deutlich. Die Begegnung mit Rodrigo war es auch. Im Schweigen, das jeden Gottesdienst in Taizé kennzeichnet, hat er seine innere „Kälte“ wahrgenommen und abgelegt.

Rodrigo, der junge Portugiese bekannte, wie der Hauptmann, die Gegenwart Gottes in Jesus. Angesichts dieser „Kälte“ hat die Stunde der Wahrheit und der Liebe geschlagen. Zu welcher Liebe wir Menschen fähig sind, lebte Jesus uns vor. Seinem Beispiel folgen Tausende unter uns. Sie lindern, pflegen, verarzten, versorgen, verbinden, verantworten. Ihnen sind wir allen Dank schuldig. Sie tun dies, obwohl sie wissen, dass sie selber gefährdet sind.  Sie vollbringen Wunder, überschreiten Grenzen, geben Hoffnung. Und so sieht sie aus, die Hoffnung: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Jesus legt sich in dieses Schweigen hinein. Zusammen mit all den Tausenden, die rund um die Erde, jetzt wie er selbst, mit fremdem Trost sterben. Ihnen ist er nahe, wie der Keimling im Boden, dem wärmenden Licht des neuen Lebens. Bleiben sie in diesem Licht geliebt, gesund, gehalten und gesegnet!

Ihr Josef Putz, Diakon im Z. Seelsorgeeinheit Profectio 2002